Konzept
XENOS-Projekt
Beschreibung der Zielgruppen
Die erschreckende Häufigkeit politisch rechtsmotivierter Gewalttaten in Sachsen-Anhalt (2007 waren es im Schnitt eine rechtsmotivierte oder rassistische Gewalttat alle zwei bis drei Tage) und insbesondere die Präsenz der rechtsextremen Szene in Halle (mit 21 öffentlichen Aktionen allein 2007) bestätigen die dringende Notwendigkeit nach Maßnahmen gegen Rechtsextremismus im lokalen Kontext. Die für rechtsextremes Gedankengut besonders anfällige Gruppe findet sich bei männlichen Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten unter 25 Jahren, insbesondere in den neuen Bundesländern (Quelle: Studie der Friedrich Ebert Stiftung). In Halle orientiert sich ein großer Teil dieser Gruppe beruflich sehr stark im Bau- und Baunebengewerbe.
Das führt zur Zielgruppe des Projekts:
Jugendliche im Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) und Berufsgrundbildungsjahr (BGJ ) an der BBS II, der Berufsschule „Gutjahr“ in Halle/ S. mit dem Schwerpunkt Bautechnik, mit und ohne Migrationshintergrund. Bezüglich dieser Gruppe gilt es, Präventionsarbeit gegen Rechtsextremismus zu leisten:
• Extrem schlechte Chancen, nach dem Schulabschluss einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu bekommen vergrößern die Gefahr für diese ohnehin gefährdete Gruppe, rechtsextreme Tendenzen zu entwickeln:
• Die BVJ- und BGJ-Klassen der Berufsschule „Gutjahr“ bestehen zu einem sehr hohen Anteil aus SchülerInnen mit einer Lernbehinderung und Schulverweigerern, die den Hauptschulabschluss nachholen, die allgemeine Schulpflicht erfüllen und/oder sich beruflich orientieren wollen.
• Die Chancen zur Integration in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt sind bei den SchülerInnen des BVJ und des BGJ besonders gering: Die Mehrheit von ihnen stammt aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Lebensumfeld und geringem Bildungsstand. In einer von Arbeitslosigkeit stark belasteten Region (16,6%, Stand April 2008) sind die Aussichten von SchülerInnen mit niedrigem Bildungsniveau auf eine Lehrstelle oder sonstige Ausbildungsmöglichkeit nach Beendigung der Schulzeit sehr schlecht. Die Arbeitslosigkeit ist somit fast vorprogrammiert. Viele Jugendliche bekommen diese Negativkarriere schon durch die Eltern- und/ oder Großelterngeneration vorgelebt.
• Mit dieser Perspektivlosigkeit ist auch eine fehlende soziale und politische Partizipation verbunden, die zum Teil durch abnormales Verhalten zum Ausdruck kommt: In Klassen des BVJ und BGJ der Gutjahrschule nimmt ‚Kleinkriminalität’ immer mehr zu. Viele SchülerInnen haben schon eine polizeiliche Akte. Diese Probleme bleiben im schulischen Rahmen jedoch weitgehend unbehandelt.
Individuelle Unterstützungsangebote sollen ihre Zukunftschancen auf eine soziale und berufliche Integration vergrößern.
Als Ausgangssituation in den BVJ- und BGJ-Klassen der Berufsschule „Gutjahr“ ist also festzustellen, dass die Jugendlichen benachteiligten sozioökonomischen Verhältnissen entstammen und ein niedriges Bildungsniveau innehaben. Dies geht mit sozialen und beruflichen Exklusionsprozessen einher sowie einer verstärkten Anfälligkeit, rechtsextremes Gedankengut zu übernehmen.
Partnerschaften im Projektvorhaben
Im Kontext des Projekts sind insbesondere die Berufsschule selbst und die Agentur für Arbeit bzw. die Arge Halle als strategische Partner zu nennen. Gerade hier erfolgt die Schnittstelle des Übergangs von der Schule zum Berufsleben. Wenn wir die Stabilisierung im sozialen und beruflichen Umfeld als eine der Präventionsmaßnahmen gegen Rechtsextremismus verstehen, dann muss genau dieser Übergang fließender und erfolgreicher gestaltet werden. Die Interessenlage der Partner ist ähnlich, wenngleich verschiedene Motivationen dahinter stehen:
Die Projektmitarbeiter von XENOS möchten in erster Linie den rechtsextremen Affinitäten, die besonders innerhalb dieser Zielgruppe bestehen, nachhaltig entgegenwirken. Die Berufsschule ist daran interessiert, dass die Schüler möglichst erfolgreich, also mit einem Hauptschulabschluss oder überhaupt durch Beendigung des BVJ-Lehrganges die Schule abschließen. Die Arbeitsverwaltung ist an einer möglichst nachhaltigen Vermittlung der Jugendlichen interessiert, um sie nicht oder nicht so lange im Leistungsbezug zu haben.
Diese verschiedenen Motivationen münden jedoch alle im ähnlichen Ergebnis, den Jugendlichen eine positive Alternative zu bisher erfahrenen Lebensentwürfen in ihren Familien zu bieten, in denen arbeitende Eltern häufig die Ausnahme sind. Diese Voraussetzungen bilden die Grundlage, gemeinsam Methoden zu entwickeln und das entstehende Wissen im Anschluss an das Projekt in Handlungsempfehlungen münden zu lassen Dieser Nutzen, der für die Partner innerhalb des Projektes entsteht, sorgt für eine große Wahrscheinlichkeit der Weiterführung verschiedener Methoden und Herangehensweisen auch über den Projektzeitraum hinaus. Nicht zuletzt die fortlaufende Evaluierung und kritische Überprüfung der Methoden sichert die praxisnahe Qualität des anschließenden Methodenhandbuches.
Die Stadt Halle verfügt über eine bundesweit beachtete Struktur der Verknüpfung von Organisationen der Jugendhilfe, der Migrationsarbeit, zivilgesellschaftlicher Vereine, der Verwaltung und Polizei. Es handelt sich um das Netzwerk Integration und Migration. In den verschiedenen Arbeitsgruppen erfolgen eine hervorragend abgestimmte Arbeit der einzelnen Akteure und eine sehr gute Möglichkeit des Informationsmanagements innerhalb der Stadt Halle. Dieses Netzwerk, in dem die Jugendwerkstatt „Frohe Zukunft“ aktiv vertreten ist, wird ebenfalls als Partner im Rahmen der Aufgaben des XENOS-Projektes dienen. Hier werden vor allem die schon bestehenden Informationsstrukturen (Informationsfluss in beide Richtungen) und die Angebote für den begleitenden freizeitpädagogischen Bereich genutzt werden.
Durch die enge Zusammenarbeit im Netzwerk bestehen auch sehr kurze Wege zu Ansprechpartnern innerhalb der Verwaltung und insbesondere zur Polizei.
Ziele und methodisches Vorgehen
Prävention gegen Rechtsextremismus bedeutet in diesem Kontext Förderung von beruflichen, sozialen und insbesondere interkulturellen Kompetenzen. Die Aufhebung von benachteiligenden sozialen und beruflichen Faktoren einerseits, die Ermöglichung sozialer Partizipation und das Anbieten von Alternativen zur sozialen Einbindung andererseits sollen letzten Endes dem Rassismus und der Benachteiligung von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund entgegen wirken.
Aus der Ausgangslage der SchülerInnen in den BVJ- und BGJ-Klassen der Berufsschule „Gutjahr“ resultiert das Hauptziel des Projekts: Soziale und berufliche Integration für Jugendliche nach dem Schulabschluss, die rechtsextremen Tendenzen entgegenwirkt und Diskriminierung von MigrantInnen reduziert. Zentrale Komponenten der sozialen und beruflichen Integration, die im Projekt angestrebt werden, sind:
Ziele bezüglich sozialer Integration
• hohe Motivation, an gesellschaftlichen Prozessen aktiv teilzunehmen
• ein „normatives“, d.h. gesetzeskonformes Verhalten der Jugendlichen
• ein von Toleranz und Offenheit geprägtes Weltbild
Ziele bezüglich beruflicher Integration
• hohe Motivation, berufstätig zu sein
• eine realistische Selbsteinschätzung bezüglich der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten
• die Vermittlung an eine Ausbildungs- oder Arbeitstelle nach Schulabschluss
• langfristige Beschäftigungsverhältnisse, nachhaltige Wirkung des Projektes
Aus dem Projektvorhaben resultieren folgende Handlungsziele:
Auf soziale Integration gerichtete Handlungsziele:
• keine Vorfälle mit rassistischem Hintergrund in der Schule
• eine aktive Beteiligung von SchülerInnen und LehrerInnen an Maßnahmen zur Förderung interkultureller Kompetenzen (Beteiligungsquote von mind. 90%)
• partizipatives Verhalten der SchülerInnen in den Projektmaßnahmen im schulischen und Freizeitbereich (Teilnahme an außerschulischen Angeboten von mindestens 60%)
• keine „kleinkriminellen Tatbestände“ von SchülerInnen der BVJ- und BGJ-Klassen
• ein schulisches Verhalten im Sinne der formellen Schulziele - Anwesenheitsquote von mindestens 80 %; Abbrecherquote von nicht mehr als 10%; 90% der SchülerInnen, die den Schulabschluss erreichen, keine Vorfälle mit Gewaltpotenzial in der Schule
Auf berufliche Integration gerichtete Handlungsziele:
• aktive Teilnahme der Jugendlichen an Projektmaßnahmen zur individuell passenden beruflichen Orientierung (Beteiligungsquote von mind. 90%)
• Vermittlung eines Ausbildungs- oder Arbeitsplatzes (mind. 85%)
• Beibehaltung des Ausbildungs- oder Arbeitsplatzes nach der Vermittlung (mind. 60%)
Die Maßnahmen zur Qualifizierung und Weiterbildung in Schule, Ausbildung und Beruf gehen in drei verschiedene Richtungen. Ziel ist berufliche und soziale Integration zu fördern, um somit Rechtsextremismus entgegen zu wirken.
Der methodische Ansatz des Projektes beruht auf zwei Grundsätzen: Ganzheitlichkeit und Empowerment.
Ausgehend von diesen Grundprinzipien und den beiden Zielgruppen (benachteiligte Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund) sind folgende Arbeitsinstrumente gewählt worden:
1. Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen im interkulturellen Bereich – gezielte Aktivitäten zum Abbauen von Vorurteilen sowie zur Toleranz- und Partizipationsförderung.
Zentrale Instrumente:
• Workshop-Reihe „Eine Welt der Vielfalt“ mit einem teilnehmerzentrierten- und erfahrungsbezogenen Ansatz (z.B. Kleingruppendiskussionen, Rollenspiele), häufig bei oben genannter Zielgruppe erfolgreich erprobt
• Auslandsaufenthalte (Polen – Holocaust-Aufklärungsreise; Italien, Finnland)
• Initiierung von Begegnung zwischen MigrantInnen und Nicht-MigrantInnen durch das Team (mind. 50% des Teams sind MigrantInnen)
• durch Schülerprojekte im schulischen Rahmen und außerschulischen Bereich (Kooperation mit dem Begegnungszentrum der Jugendwerkstatt „Frohe Zukunft“)
2. Aktivitäten zur Qualifizierung für den Arbeitsmarkt - Förderung passender beruflicher Orientierung und berufsbezogener Kompetenzen mit einer anschließenden Vermittlung in einen passenden Ausbildungs- oder Arbeitsplatz.
Zentrale Instrumente:
• Profiling – Feststellung von berufsrelevanten Fähigkeiten und Fertigkeiten durch die Herstellung eines beruflichen Profils. Dafür wird das „hamet“-Testverfahren zur Feststellung von berufsrelevanten Fertigkeiten und Fähigkeiten mit anschließender Beratung angewendet (wiederholte handlungsorientierte Tests, Auswertung, Empfehlung). Das „hamet“-Testverfahren ist für Berufsschüler entwickelt worden und deshalb für SchülerInnen an BVJ- und BGJ-Klassen bestens geeignet.
• Jobscouting – Recherche nach Ausbildungs- und Arbeitsplätzen in Halle (Kontaktherstellung zu Firmen, Zeitungsannoncen, Internet) und Herstellung eines Job-Angebotspools für Absolventen des BVJ und BGJ
• eine passgenaue Vermittlung – Begleitung der Jugendlichen im Prozess der Jobsuche mit dem Ziel, einen für sie passenden Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden
Die Kombination aus Feststellung individueller Fähigkeiten, passenden Berufswünschen und anschließender Vermittlung eines entsprechenden Ausbildungsplatzes demonstriert den ganzheitlichen Ansatz. Die Hilfe zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit und stärkeren sozialen Einbindung durch die Ausübung eines Berufs ist Ausdruck von Empowerment.
3. Soziale Qualifizierung durch Schulsozialarbeit – Persönliche Beratung unter Verwendung von Methoden der Schulsozialarbeit zur Stärkung sozialer Schlüsselkompetenzen wirkt präventiv und problembehandelnd zugleich. Im Rahmen der persönlichen Beratung können Probleme, die mit einer rechtsextremen Orientierung verbunden sind, behandelt werden.
Projektsteuerung und Qualitätsmanagement
Das Projekt soll durch einen externen Partner in Form von strukturiertem Controlling und Coaching begleitet werden. Ziel des Controllings ist es, das Projektmanagement so zu unterstützen, dass das Projekt bezüglich der Eckpfeiler Qualität und Funktionalität, Kosten und Zeit erfolgreich abgewickelt wird.
Die Absicherung des Erreichens der Projektziele erfolgt durch folgenden Regelkreis:
1. Soll-Ist-Vergleich
2. Feststellung der Abweichungen
3. Bewerten der Konsequenzen und Vorschlagen von Korrekturmaßnahmen
4. Mitwirkung bei der Maßnahmenplanung und Kontrolle der Durchführung
Das Projektcontrolling garantiert somit die Verbindung der Projektplanung, -steuerung und -kontrolle.
Technische Grundlagen:
Als Grundlage des Controllingverfahrens wird eine webbasierte Software eingesetzt. Vorgesehen ist die Open Source WebCollab. In dieser wird das Vorhaben in Projektstrukturplänen abgebildet. Jeder Akteur erhält einen eigenen Zugang und dokumentiert schriftlich seinen Projektfortschritt. Zum einen erfolgt über diesen Weg eine optimale Abstimmung der Aktivitäten, zum anderen werden die Verzahnung der Maßnahmen sowie Planungsabweichungen deutlich. Über dieses Programm wird der gesamte Projektprozess transparent widergespiegelt und das Controlling effizient umgesetzt.
Zusammenarbeit mit interner und externer wissenschaftlicher Begleitung
Wir beabsichtigen eine Kombination aus interner und externer wissenschaftlicher Begleitung vorzunehmen. Ein externer Wissenschaftler oder Berater mit spezifischen Kenntnissen und Erfahrungen auf diesem Gebiet wird gemeinsam mit dem Team in der Anfangsphase des Projekts die Evaluierung vorbereiten. Das bedeutet sowohl eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Anforderungen an die Evaluierung, als auch die Entwicklung der Methoden und der entsprechenden Evaluierungsbögen. Die eigentliche Durchführung der Evaluierung erfolgt dann durch die Projektmitarbeiter mit Hilfe von PraktikantInnen des Trägers, die fortlaufend im Rahmen ihrer pädagogischen bzw. ethnologischen Studiengänge ihr Praktikum im Begegnungszentrum der Jugendwerkstatt „Frohe Zukunft“ absolvieren. Durch diese erfolgt dann die Bearbeitung und Aufbereitung der Evaluierungsbögen und eine Vorbereitung für die anschließende wissenschaftliche Bewertung. Am Ende des Projektes kommt wieder der externe Berater zum Einsatz, um die Ergebnisse entsprechend zu bewerten und die Darstellung in einem Methodenbuch zu begleiten.

